Nach dem Ende unserer Semesters hab ich noch ein paar Tage in Hoi An verbracht, um die Abschlussarbeit anzufangen und ein paar Sachen zu erledigen.
Heute hab ich Hoi An mit ein paar unterdrückten Krokodilstränchen im Auge verlassen und bin mit dem lokalen Bus nach Danang gefahren. Dauert nur ca. 40 min, allerdings verbringt man davon 10 min damit den Preis zu verhandeln. Es ist ein Fixpreis von 15.000 Dong (ca. 60 cent) – aber man kanns ja mal probieren... Es läuft immer nach dem gleichen Schema: Es fährt ein Mann mit, der im Bus kassiert. Man gibt ihm 15.000 Dong passend – er ist mehr als empört. Er wird wütend. Man selbst sollte cool bleiben, lächeln und im besten Vietnamesisch sagen, dass man Student in Hoi An ist und immer 15.000 Dong bezahlt. Warten. Und jetzt kommt das Entscheidende. Bleibt man cool und freundlich und verliert sein Gesicht nicht durch eine große Debatte über den Preis, schalten sich die Vietnamesischen Mitfahrer links und rechts ein und helfen einem beim Verhandeln. Wird man motzig und zickig hat man schon verloren.
Dieses Mal hab ichs so gut geschafft, dass der Kassierer mich so ins Herz geschlossen hat, ganz übereifrig wurde und mich an meiner Haltestelle raus gewunken und sich überschwänglich verabschiedet hat. Ein Vietnamesischer Freund mehr - ich bin ein Gewinner.
Die Vietnamesen hab ich in den letzten drei Monaten als ein sehr ruppiges Volk kennen gelernt, die (wenn man sie für sich gewonnen hat) an Herzlichkeit stark zulegen. Allerdings muss man sie erst mal knacken und das erfordert Geduld, Charme und einen Willen Vietnamesisch zu sprechen. Das mach ich mehr schlecht als recht – ein Grund mehr eine Nacht bei Anh, einer vietnamesischen Freundin, zu bleiben und zu üben.
In Vietnam gibt es unzählige Regeln und alles dreht sich um den Respekt vor dem Älteren. Die richtige Anrede bei Gesprächen und Verhaltensweise im Allgemeinen sind sehr wichtig – dementsprechend verkrampft bin ich...
Anhs Mutter spricht kein Englisch und ich hab zu wenig Vietnamesisch für Smalltalk gelernt (ich kann bei ihrer Mutter nicht wirklich einen Kaffee bestellen – aber ich kann es zumindest richtig aussprechen) also sind wir über „Mein Name ist Lisa, ich komme aus Deutschland, ich bin 23 Jahre alt und es ist schön Sie kennen zu lernen“ nicht hinausgekommen.
Bei einer Sprachbarriere muss man die fehlenden Worte mit großen Gesten und Mimik ausgleichen – also hab ich mir beim Abendessen den Hintern abgeschauspielert. Ich stand nämlich unter permanenter Beobachtung von Anhs Mutter, die die Reaktion jedes Bissen, den ich genommen habe, abgewartet hat. Und als ich dachte, dass ich mich ganz gut schlagen würde (mit Stäbchen unter Beobachtung essen, nicht genau wissen – mischt man Nudeln und Reis? Was mach ich mit den Gräten? Etc.) wurde ich gefragt, warum ich meine Schüssel nicht in die Hand nehme und ein Stück zum Mund führe – das wäre doch einfacher.
Dafür ist meine Sozialisation zu stark: „Die Gabel kommt zum Mund, nicht der Mund zur Gabel“ - der Teller bleibt also auf dem Tisch, die Haltung sollte möglichst aufrecht sein und man beugt sich nicht über den Teller. Als ich dann gesagt habe, dass meine Eltern mir das so beigebracht haben, war das Argument genug. Familie geht hier über alles, wenn Muttern das so beibringt, dann ist das so.
Die Frage wohin mit den Gräten hab ich übrigens nicht geklärt – da keiner etwas ausgespuckt hat und ich nicht die Einzige sein wollte, hab ich mit der Hand (hoffentlich) unauffällig zum Mund gelangt und hab die Gräten in meiner Hosentasche verschwinden lassen. Bei unserem Abendspaziergang wurde ich sie dann wieder los...
Sollten sie das Manöver bemerkt haben, werde ich wohl als das seltsame deutsche Mädchen in Erinnerung bleiben, das so verrückt war und Gräten in ihrer Hosentasche gebunkert hat. Da muss ich grad selber schmunzeln.
Morgen stehen wir um 5:30 auf und machen Morgensport – kommt mir grad nicht so gelegen, weil es 23:51 ist und ich fern davon bin einzuschlafen. Aber ich werds überleben – je müder ich bin, desto besser schlaf ich die nächste Nacht, was nur gut sein kann, weil ich den Nachtzug von Danang nach Ninh Binh nehme. Dort warten Kalksteinberge und eine Bootstour durch Höhlen, bevor ich dann am Nachmittag nach Halong weiter fahre, um zur malerischen Halong Bay aufzubrechen. Ich freu mich!
Achja, ich reise alleine, werde auf mich aufpassen und bei Anbruch der Dämmerungen in einem Hotel sitzen und meine Abschlussarbeit schreiben – also braucht sich keiner Sorgen machen, dass ich abends irgendwo alleine rumgeister und geklaut werde.
Liebste Grüße von Schlaflos in Danang
P.S.: Ich habs natürlich nicht geschafft aufzustehen, aber Anh hat auch verschlafen und jetzt sitz ich (trotzdem müde) an meiner Abschlussarbeit. Heute gehts dann um 16:50 in den Nachtzug und ich komm um 9h morgens an - ich hoffe das vergeht wie im Flug, bin aber mit Arbeit und Hörbüchern gut eingedeckt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen